Expat, See With Me
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Fliehkraft reverse, oder: Ich blogge mich nach Hause

Eine ungeschriebene Geschichte

Der Tag 42 ist vorbei und ich schaue ratlos auf die weiße Fläche, die mein Blogbeitrag werden soll. Einen Expat- und Reiseblog über Südafrika wollte ich schreiben. Stattdessen feiern wir bald Abschied von der Schule, von Freunden, von East London und von Südafrika. Buchen Flüge und packen Mitte Dezember den Schiffscontainer. Der schippert Couch, Bett, Kuscheltiere und voraussichtlich mal wieder viel zu viel unnützes Gedöns zurück über das Meer. Fährt in sechs Wochen von East London, Südafrika nach Bremen, Deutschland. Der Container hat eine gute Reisegeschwindigkeit, man müsste eigentlich selber das Schiff nehmen, nicht das Flugzeug: Das würde der Seele genug Zeit geben, um hinterher zu reisen.

Tja, und was schreibe ich jetzt? Statt eines Expat-in-Südafrika-Reiseblogs könnte ich die nächsten Wochen einen Einpack-und-zurück-nach-Bremen-fahr-Blog schreiben. Das ist zwar ein guter Plan für unser Leben, aber noch kein wirklich Guter für einen Blog. Oder vielleicht doch? Ich weiß es im Moment nicht und habe den Kopf nicht dafür frei. In dem stapeln sich Fragen: Habe ich den Hund anständig vermessen, sodass er in seine Flugbox passt? Was fehlt noch an Reisepapieren? Sollen wir unseren 16 Jährigen wirklich schon vorfliegen lassen, wenn hier im Dezember die Schule vorbei ist? Der will zu Familie und Freunden, hat keinen Bock mehr auf noch-mal-Löwen-gucken-gehen. Dann so schnödes, doofes Alltagszeug: Wie verkaufe ich die Autos am Besten? Wann schaffe ich es endlich, die Garage auszumisten? Und ganz vor allem: Warum kommt keiner und macht das alles für mich?

Darunter summt die Frage: Wie werden wir in Bremen leben, wie wird es sein nach 2,5 Jahren Südafrika? Der Blick in die Zukunft klappt nicht, wie auch, es gibt sie ja noch nicht. Es gibt nur das Hier und Heute, der Rest ist eine noch ungeschriebene Geschichte.

Aber ja, man versucht sich natürlich trotzdem ein Bild davon zu machen. So eins zum Beispiel, wer weiß, maybe Familie W aus B changed into East Londoner Stadtmusikanten?!

Zwischenweltler: Die East Londoner Stadtmusikanten.

Bloggen heißt zu Hause sein

Ich blogge hier ja erst seit ein paar Monaten, lange genug um zu merken, dass ich es liebe. Mein Kopf ist manchmal ein wenig überaktiv, eigentlich immer. Ich habe permanent irgendwelche Ideen, die ich aufschreiben und teilen möchte: Tolle und Grottige, Klare und Wirre, Begeisternde und solche, die auf den zweiten Blick eher lame, nichtssagend sind.

Das Bloggen hilft mir beim Sortieren meiner Ideen, und auch dabei, verankert zu sein: Einen Bezugspunkt zu haben, in dem schnellen Wandel, der mein Leben ist. Und er hilft mir genauer hin zu fühlen und zu überprüfen, welcher nächste Schritt der Richtige ist. Der Blog gibt mir einen Ort, ein Zuhause, an dem ich nachdenke kann. Er ist so eine Art virtuelle Couch, auf der ich mich rumlümmeln, in Ruhe meine eigenen Gedanken anhören kann. Und auch Deine, ich muss nämlich mal sagen: Über die Kommentare, die ich hier bekomme, freue ich mich total: das fühlt sich nach Verbundenheit an, das tut echt gut!

Bremen, Freimarkt.

Was da alles gut gehen kann!

Mir macht es gerade Angst loszulassen, hier weg zu gehen: neue Schulen, neue Jobs, was da alles schief gehen kann! Andererseits ist das genau das Ding mit der Veränderung: Man weiß einfach nicht was als Nächstes kommt. Und weil man es nicht weiß, darf man ja auch mal denken: was da alles gut gehen kann!

Ich erinnere mich, wie Leute vor unserem Aufbruch nach Südafrika zu mir gesagt haben: „Ich könnte das nie, nach Südafrika gehen. Ich hätte viel zu viel Angst davor!“ Meine Antwort war damals, dass ich auch fürchterliche Angst davor habe. Irgendwie hat mir das keiner so recht geglaubt, aber ich hätte die Aktion am liebsten noch kurz vor der Ausreise wieder abgebrochen. Glücklicherweise gab es Menschen, die mir Mut gemacht haben: Ohne das Skypetelefonat mit der Deutschlehrerin an der East Londoner Schule hätte ich vielleicht doch noch gekniffen. Danke, Frau Heuthaler! Mein Fazit jetzt, nach 2,5 Jahren Südafrika: Ein Großteil meiner Sorgen war komplett unbegründet und der Rest der Schwierigkeiten war zu wuppen, gemeinsam, als Familie. Und: Vieles ist so unglaublich viel besser gelaufen, als wir uns das vorher hätten träumen lassen.

Neue Liebe – Alte Liebe

Trotz dieser Erfahrung machen mich große Veränderung immer noch uncomfortable. Die Angst bleibt wohl der Preis für die Freiheit, sich wieder auf eine Reise zu machen. Das merke ich nämlich auch gerade erst: dass das Zurückgehen nach Bremen auch ein wenig eine Reise ins Ungewisse ist. Man geht nicht einfach ’nach Hause‘ und  zurück in sein altes Leben. Auch in Bremen haben sich Dinge und Menschen verändert. Ich habe mich verändert, wir als Familie haben uns verändert: Wir sind stärker zusammengewachsen, wir sprechen alle fließend Englisch. Beide Teenies gehen richtig gerne zur Schule und haben dort in einer Weise gelernt zu lernen, dass es die reine Freude ist. hach, man möchte das alles mitnehmen: Den südafrikanischen Humor, die Leichtigkeit miteinander ins Gespräch zu kommen und die Fähigkeit, auch mal fünfe gerade sein zu lassen. Die guten Erfahrungen mit Südafrikanern aller Couleur wären einen eigenen Blogbeitrag wert, da krieg‘ ich gleich wieder Pipi inne Augen, wenn ich darüber nachdenke.

Jetzt wird aber erst mal nach vorne geschaut: Ich freue mich nämlich auch wie wild darauf, mein Bremen wieder neu zu entdecken. Manchmal ist ein wenig Abstand ja das Beste, was einer Alten Liebe passieren kann 😉

Fliehkraft. Lässt sich am besten genießen, wenn man weiß, wo man fest verankert ist 🙂

Alles wird ist gut!

Ich glaube, ich habe neben dem Bloggen noch einen anderen Trick entdeckt, der mir helfen kann, nicht im Sorgenkarussell zu drehen. Der mir hilft zu sehen, dass im Grunde alles in Ordnung ist und die Sorgerei nur eine unnütze Angewohnheit. Weil, wenn man ein Dach über dem Kopf hat, genug zu essen für alle Familienmitglieder, wenn man selber, die Kinder und der Göttergatte gesund sind und man die Sicherheit hat, dass man sich nicht nur den Zahnarzt, sondern auch die Notversorgung in einem guten Krankenhaus leisten kann. Dann ist mehr als alles gut. Weltweit gesehen ist diese Situation leider der pure Luxus und für einen Großteil der Menschen nicht gegeben. Wenn ich also alles habe, was ich brauche und noch mehr, was hält mich dann davon ab, für den Moment erst mal entspannt und zufrieden zu sein?

Der dankbare November

Darüber habe ich mir die Tage Gedanken gemacht, danke lieber Blog, das war wegen Dir. Und ich habe eine Antwort gefunden: Ich werde mir jeden Tag überlegen, wofür ich dankbar bin, und das dann aufschreiben. Das mache ich mal ab sofort und den ganzen November lang, jeden Tag auf meiner Just Sea With Me Facebookseite. Und manchmal hier auf dem Blog.

Und dann schau‘ ich mal, was passiert. Ich glaube nämlich, das ist eine richtig tolle Geheimwaffe gegen ein Übermaß an unproduktiver Sorge.

Ich freue mich natürlich immer über Kommentare, insbesondere zu der Frage: Wofür bist DU dankbar? Das würde ich sehr, sehr  gerne wissen! Bis dann: Enjoy!

PS: Ich bin definitiv dafür dankbar, dass ich den November in Südafrika verbringen kann! Weil: Deutschland: Herbststürme. Südafrika: Frühling, besser: gefühlter Sommer! Yesssssss!

Sitzen mit Blick auf das Wasser ist überall toll, zum Beispiel an der Weser in Gröpelingen beim Warten auf die Fähre. I love it, hallo Vogelinsel!!

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